
Süsskraut Stevia statt Coca
Die Stiftung Uñatatawi (auf Deutsch «Mein Erwachen») betreut seit dem Jahr 1998 ein
Projekt zur biologischen Produktion von Gewürzen und Heilpflanzen in der Provinz
Caranavi. Dort pflanzen die Bauernfamilien vorwiegend Kaffee an. Ihr Einkommen hängt
dementsprechend allein von der Preisentwicklung der Kaffeebohnen ab. Deshalb wenden
sich die Bauern als Alternative nicht selten dem illegalen, aber gewinnbringenderen
Cocaanbau zu.
Einkommensförderung
Durch den von der Stiftung Uñatatawi geförderten Anbau von Kräutern und Heilpflanzen
sowie deren Weiterverarbeitung erwirtschaften die Familien ein zusätzliches Einkommen,
was gleichzeitig zu einer Diversifizierung der landwirtschaftlichen Produktion führt. Neue
Investitionen in die Produktion ätherischer Öle und in die Herstellung eines natürlichen
Süssstoffs durch Anbau, Trocknung und Weiterverarbeitung von Stevia versprechen zusätzliche
Unabhängigkeit. Das Projekt umfasst neben zehn Gemeinden in den Siedlungen
rund um Caranavi auch drei neue Gemeinden rund um Sorata in den Tälern (Valles).
Projekthintergrund und -umfeld
Dank der 1952 eingeleiteten Agrarreform
hat Bolivien im Hochland eine
im lateinamerikanischen Vergleich
relativ gleichmässige Verteilung des
Grundbesitzes erreicht. Das heisst
aber nicht, dass die Bauernfamilien
vom Ertrag leben können, den sie
auf ihren Feldern erwirtschaften. Ein
zunehmender Teil der Hochlandbevölkerung
wandert in die subtropischen
und tropischen Zonen des
Landes ab.
Viele dieser internen Migrantinnen
und Migranten haben sich in den
subtropischen Yungas niedergelassen,
wo vorwiegend Kaffee und seit
dem Jahr 2002 wieder vermehrt
illegal Coca angepflanzt wird. Im Spannungsfeld zwischen dem schlecht bezahlten, legalen
Kaffeeanbau und der verlockenden Cocaproduktion leben auch die Bauernfamilien in den
Siedlungen rund um Caranavi. Um zusätzliches Geld zu verdienen, arbeiten die Männer oft
in der Stadt, von wo sie jeweils wochen- oder monatelang nicht zurückkehren können.
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Biologischer Anbau von Gewürzen und Heilpflanzen
In Zusammenarbeit mit den Bauernfamilien hat Uñatatawi
1998 ein Projekt zur biologischen Produktion von Gewürzen
und Heilpflanzen ins Leben gerufen. Die Produktion ist
ständig erweitert worden und umfasst heute neben
Estragon, Salbei, Majoran, Basilikum, Thymian und Wermut
auch Dill, Bohnenkraut, Zitronengras, Minze, Melisse und die
einheimischen Pflanzen Quilquiña und Huacataya. Im
verkehrstechnisch günstig gelegenen Ort Berea hat
Uñatatawi Solartrocknungsanlagen in Betrieb genommen.
Der kleine Industriebetrieb Ispalla in El Alto verpackt die
getrockneten Kräuter und Uñatatawi vermarktet sie im Land
und auch international. Zurzeit prüft Uñatatawi verschiedene
Verfahren, um aus den angebauten Kräutern ätherische Öle
herzustellen, für die interessante nationale und lateinamerikanische Absatzmärkte
bestehen würden.
Der Kaffeeanbau bleibt für die Familien aber ein wichtiger Teil der Produktion. Auch in
diesem Bereich hat Uñatatawi mit der Bio-Zertifizierung der Höfe und Weiterbildung der
Bauernfamilien in biologischem Landbau dazu beigetragen, dass sich das Einkommen aus
der gleichen Menge Kaffee dank der Produktion von Bio-Qualität verdoppelt hat.
Als besonders vielversprechend hat sich neuerdings der Anbau der Stevia-Pflanze
erwiesen: Ihre Bedeutung hat in jüngster Zeit aufgrund ihrer hohen Süsskraft und des
minimalen Kaloriengehalts stark zugenommen. Uñatatawi investiert deshalb nicht nur in
die Vermarktung des getrockneten Blatts, sondern auch in Produktionsanlagen für die
Weiterverarbeitung der Stevia zu pulverisiertem natürlichem Süssstoff.
Das Projekt der Stiftung Uñatatawi zeichnet sich aus durch die biologischen Produktionsmethoden,
eine zunehmende Diversifikation und die Orientierung an den Prinzipien des
fairen Handels, welche die lokalen Produzenten vor Preisschwankungen schützt. Es
ermöglicht den Bauernfamilien zusätzliche Einkünfte und eine ganzjährige Produktion, was
dazu führt, dass die Familienmitglieder vor Ort arbeiten und gemeinschaftliche
Produktionsformen entwickeln können. Die Produzentengemeinschaften
werden laufend geschult, damit sie
Schritt für Schritt die Verantwortung für eine selbstbestimmte
Entwicklung übernehmen können.
Die Partnerorganisation
Uñatatawi wurde im Jahr 1988 als informelle
Beratungsequipe für Bäuerinnen und Bauern aktiv. Die
Motivation für diese Arbeit ging auf die Publikation des
autobiographischen Buches von Ana María Condori
«Nayan Uñatatawi» zurück (auf Deutsch «Mein
Erwachen»), das ihre emanzipatorische Entwicklung vom
ausgebeuteten Dienstmädchen zur selbstbewussten
Mitbegründerin einer landwirtschaftlichen Genossenschaft
beschreibt. Ana María Condori ist heute Präsidentin der
Organisation, die im Jahr 1994 in eine Stiftung umgewandelt
wurde und als offiziell anerkannte Entwicklungsorganisation
unter dem Namen Fundación Uñatatawi tätig
ist. Neben ihrem Engagement für die Landwirtschaft in
den Yungas und auf dem Altiplano begleitet Uñatatawi
auch Projekte für die kleinhandwerkliche Herstellung von
Textilien.
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